eberhardt klemm

"alles ist gleichnah zum mittelpunkt"

 

 

 

 

Teil 1 Das Prinzip Hoffnung und die verweigerte Zukunft

Herausgegeben von Thomas Schinköth
ca. 400 Seiten / Format 205 x 125 mm
Französische Broschur
ca.
Ê 22
ISBN 3-931337-36-7

 

Inhalt

Arbeiten von Eberhardt Klemm u.a. zu Heinrich Besseler, Manfred Bierwisch, Ernst Bloch, Hanns Eisler, Manfred Reinelt, zur Zweiten Wiener Schule und den Darmstädter Ferienkursen (1955)

Briefwechsel mit Theodor W. Adorno und Uwe Johnson

Beiträge u.a. von Manfred Bierwisch, Ernst Bloch, Hans Grüß, Lars Klingberg, Thomas Schinköth

 

 

 

 

 

 

Hans Grüss

"Überschreitung und intensitätsreichste Menschwelt in der Musik" ist das einundfünfzigste Kapitel in Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung" überschrieben. Kaum ein Stichwort kann sicherer das Leben des Musikwissenschaftlers Eberhardt Klemm in der DDR umschreiben.
Wenn es wahr ist, daß das Bild eines Mannes wesentlich aus seinen Freunden ablesbar ist, dann müssen Namen genannt werden und daß man dabei als ersten Uwe Johnson nennen muß, hat seinen guten Grund. Wer mit diesem Mann, dem wohl bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller unserer Generation, umging, mußte sich gefallen lassen, daß alles Eigene vor dem kritischen Blick des anderen standhalten mußte. Nur unter dieser Voraussetzung war Freundschaft mit Johnson denkbar, sie währte bis zu dessen unzeitigem und von selbstzerstörerischer Krankheit überschattetem Tod. Zu dem Freundeskreis der Studienzeit in Leipzig zählten neben Johnson der Sprachwissenschaftler Manfred Bierwisch, der Kunsthistoriker Joachim Menzhausen, der Orientalist Manfred Taube, die Indologinnen Elisabeth Schmidt, hernach die Frau Uwe Johnsons und Erika Jäckel, die spätere Ehefrau Klemms.
Eberhardt Klemm studierte in Leipzig zunächst Physik und Mathematik, ging jedoch bald zur Musikwissenschaft über, wohl in erster Linie unter dem Einfluß des Leipziger Musikkritikers und Komponisten Hermann Heyer, der in den fünfziger Jahren als engagierter Verfechter der Neuen Musik der zwanziger Jahre an der Musikhochschule in Leipzig Musikgeschichte lehrte.
Im Gespräch mit Eberhardt Klemm über das musikalische Kunstwerk in seiner Verflochtenheit mit Philosophie und Geschichte haben wir alles erleben können: die Landschaft wechselte dabei mit den Jahren von Bartók, zu Boulez, zu Varese und Cage, zu Scott Joplin und Karl Valentin, von Schönberg, Berg und Webern zu den Komponisten der Minimal Music, unverrückbar blieben die großen Felsen: Ernst Bloch, der Lehrer und Freund, und Gustav Mahler, der schlechthin für die Symphonie und damit für die Musik stand. In wechselndem Licht erschienen Theodor W. Adorno und Karlheinz Stockhausen. Die stärkste Kraft ging sicher von Ernst Bloch aus, dem Philosophen, zu dessen Schülern Klemm zählte. Daß er ein Freund Blochs genannt werden kann, hat ihn in den Augen der SED wohl am stärksten belastet, mehr noch vielleicht als die Wirkungen seiner Arbeit am Institut für Musikwissenschaft selbst. Sie waren freilich unüberhörbar. Zahlreiche Kammerkonzerte der beginnenden sechziger Jahre brachten Programme, die eine erste Bestandsaufnahme klassischer Werke der Moderne für Leipzig bedeuteten: Schönbergs Erste Kammersymphonie, Alban Bergs Kammerkonzert, Weberns Konzerte und Milhauds "Machines agricoles" gehörten dazu. Abzulesen ist hieran auch, wie bedeutend Klemm als akademischer Lehrer an Musikhochschule und Universität hätte wirken können, was ihm durch das Eingreifen des Staatsapparates schmerzlich verwehrt worden ist.
Nun liegen Hunderte von Texten vor, Konzerteinführungen für Rundfunk- und Gewandhauskonzerte, für Schallplatten und Rundfunksendungen, Vorworte zu Notenausgaben, zu Büchern und dazu eine Menge Gutachten. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie in wohlabgewogener Rede Wesentliches zu dem jeweiligen Werk und dem Autor bringen. Das sagt sich so leichthin und klingt wie selbstverständlich. Es hat aber jeder dieser Texte sein eigenes Gesicht, das von detaillierter Kenntnis der Umstände zeugt und zugleich den eigenen Anspruch an das Hervorgebrachte nie verleugnet. Bei der Lektüre aller dieser Texte empfinde ich Vergnügen an musikwissenschaftlicher wie literarischer Qualität auch das Bedauern darüber, daß sie an der Stelle der Monographien stehen, die wir von ihm billigerweise hätten erwarten können, hätte nicht der Zwang zum Broterwerb diese täglichen und weit gestreuten Arbeiten von ihm gefordert. Freilich mag auch ein Moment von Lust an der Vielfältigkeit musikalischer Kunst unseres Jahrhunderts zwischen Eisler und Cage mitgespielt haben, das ihn diesen seinen Weg favorisieren ließ.

 

Manfred Bierwisch

An Béla [wie Eberhardt Klemm in seinem Freundeskreis genannt wurde] zu denken, ist ein vielschichtiges und lustvolles Vergnügen ­ ihm gerecht zu werden, ist schwierig. Béla ist nicht durch übersichtliche Linien bestimmbar, "intransigent" war ihm ein wichtiges Wort, aber ein festes Schema, an dem es sich bemißt, hätte er nicht gewußt und nicht gewollt. Seine Arbeiten über Musik machen deutlich, daß das Besondere ihm wichtiger war als das Allgemeine, das Ganze für ihn eher in den Facetten erschien als in einem Prinzip. "Merkwürdig" ­ oder stärker: "Höchst merkwürdig!" ­ ist ein anderes seiner Schlüsselwörter, das er mit allen Schattierungen brauchte, vom Verdacht und Mißtrauen bis zum Ruhm des Ungewöhnlichen, und gelegentlich ging dies alles zusammen. Überhaupt, Bélas Schlüsselwörter: könnte man seinen Tonfall hinzunehmen, sie ergäben leicht ein Mosaik, das ihn vorstellbar macht, besser als geordnete Beschreibung und systematische Erläuterung es könnten. Aber es wäre ein offenes, unabschließbares Mosaik, denn in seinem Munde konnte fast jedes Wort zur Chiffre und zu deren Auflösung werden. "So?" konnte er nach einer tiefsinnigen oder banalen, offensichtlichen oder suspekten Darlegung entgegnen, in einer Weise, daß man sich ertappt fühlte, oder fühlen sollte. Aber er war kein Stratege des Dialogs. Gespräche machten ihm einfach Spaß. Wenn er ihren Verlauf bestimmte, waren sie in unnachahmlicher Weise mit Parenthesen und Einschüben in Einschüben durchsetzt, in denen er sich wie durch ein Wunder zurechtfand. Bedeutsames, das er ansteckend vermitteln konnte, und triviale Assoziationen, denen er nicht zu widerstehen vermochte, gingen da bruchlos ineinander. Dies alles besagt, unvollständig und zwingend, daß man an Béla konkret denken muß, in Situationen, Anlässen und Geschichten, in Facetten, die jeder etwas anders erfahren haben mag und die doch immer auf den ganzen Béla verweisen: "Alles ist gleichnah zum Mittelpunkt".
Bélas Geburtsstadt ist Zwickau, und das war ihm wichtig, um mancherlei von der Art zu erklären, in der er alltäglichen Umgang pflegte. Leipzig war ihm eine Lebensform, ohne die man ihn sich kaum denken kann, aber Leipzig war weder sein Horizont noch sein eigentliches Wirkungsfeld. Die Stadt, in der er lebte, hat ihm nie mehr als Nebenschauplätze für die Verwirklichung seiner Ideen und Talente eingeräumt, und selbst das war zu Zeiten auf prekäre Weise gefährdet. Nein, Leipzig, von dem er sich nicht trennen mochte, hat ihm einen angemessenen Platz nicht geboten. Musikwissenschaftler ­ gewiß, was wenn nicht dies, ist er gewesen. Und doch trifft auch das in zweifacher Weise nicht zu. Die institutionell verfaßte Disziplin war ihm in entscheidender Weise versperrt: Die Universitäten des Landes haben ihm eine wissenschaftliche Laufbahn nicht zugestanden, sie haben seine Begabung auf beschämende Weise marginalisiert. Aber unabhängig davon war er in die Rubriken der Disziplin kaum einzuordnen. Nicht nur, weil seine Studien mit Physik und Philosophie begonnen hatten und sein Blickfeld, seine Neugier und sein überbordender Kenntnisvorrat auf die Wissenschaft von der Musik in keiner Weise begrenzt waren. Er war immer Außenseiter in dem herausfordernden Sinn, daß er die etablierten Hauptgebiete, die ihm Selbstverständlichkeiten waren, allemal zugunsten der interessanten Ränder überschritt. Seine Dissertation, in der er die Strukturmöglichkeiten von Zwölftonreihen rigoros mathematisch analysierte, war ein Kundschafterunternehmen, das ihm selbst nicht recht geheuer zu sein schien und das mit seinem hermetischen Ernst fast unbemerkt blieb.
Der zeitgeschichtliche Hintergrund ist mitzudenken, wenn von jener Leipziger Zeit die Rede ist, die sich so gut zur Legende eignet, in der Namen wie Ernst Bloch, Hans Mayer und Walter Markov, aber auch Theodor Frings, Siegfried Morenz und Heinrich Besseler den Rang der Universität bestimmten, und die für uns eine hohe Zeit der Spiele und Entdeckungen, kurioser Rituale, endloser Diskussionen und blühenden Unsinns war. Der Kreis der fünf Freunde, den 1954 Uwe Johnson vervollständigt hatte, war mit unverabredeten Spielregeln, unbedingter Verläßlichkeit und freiem Umgang mit allem, was dem einen oder dem anderen wichtig war, eine ebenso prägende wie spontane Lebensform. Hier jedenfalls war gewiß, daß Bélas Zitate, in denen er sich versteckte, ihre Adressaten präzis erreichten: "Kunst kommt nicht von können, sondern von müssen!"
Und ehe er von den Schätzen, die er inzwischen verwaltete, Tonbänder, die auf Maschinen, mit denen er anhaltend im Streit lag, Mahler und Schönberg, Berg und Strawinsky, wiedergaben, ehe er eine dieser neuen Akquisitionen preisgab, machte er unerbittliche, langwierige und erhellende, umständliche und prägnante und jedenfalls ganz und gar unkonventionelle Erläuterungen, kanonische Zitate allemal eingeschlossen. Dabei war die Existenz in Zitaten und Anspielungen überhaupt ein unentbehrliches Moment seiner Lebensform. Gesten und Tonfälle, Worte, Formulierungen, Haltungen, alles konnte er in Zitate verwandeln, übereinanderlegen, verschränken, verfremden, anverwandeln, nicht zuletzt seine eigenen Erfindungen (die vielleicht selbst bereits ein halbes Zitat waren), die bedeutenden Merksprüche, die er uns schenkte, etwa "Was wäre, wenn wir uns nicht hätten!" oder "Der Gescheite hört das gar nicht". Triviales und hoch Artistisches, beiläufig Eingeschmuggeltes und in großer Geste Aufgeführtes: das Spiel mit Versatzstücken gehörte zu seiner Natur, es konnte ihn selbst überlisten. Denn es war nicht Ersatz seiner Phantasie, sondern brachte sie erst recht in Gang. Varianten erfinden von Zitaten von Zitaten, wenn der Spaß es ergab, eins im anderen verstecken, um es sichtbar zu machen, das war für Béla ebenso selbstverständlich wie die Versessenheit auf Authentizität, die akribische, auch detektivische Treue im Detail.
Ganz ernst war es ihm, natürlich, um die Wiener Schule. Das Kompositionstechnische gehörte dabei zur Lebensform, für die das Zitat "Solidarität ohne Kollektiv, nicht Kollektiv ohne Solidarität" einstand. Avanciert ­ noch ein Schlüsselwort ­ waren aber für ihn nicht nur die Gestaltungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Studium beendete er mit einer Arbeit über Machaut, und wenn man ihm dabei in die Karten gucken durfte, dann war es eigentlich die Strenge, ähnlich der im seriellen Komponieren, was ihn an den Motetten der Ars nova faszinierte.
Ende der fünfziger Jahre hatte der Freundeskreis sich zerstreut nach Berlin und Dresden. Béla war zwar stets unser Mann in Leipzig, aber die Feste der Begegnung wurden seltener, 1959 war Uwe Johnson nach Westberlin umgezogen. Béla begann, so durfte man erwarten, eine geachtete Laufbahn als akademischer Lehrer. Die Vorlesungen, die Béla nun hielt, waren Ereignisse, nicht nur für ihn. Gustav Mahler und das Wien der Jahrhundertwende: Daß die Fülle seines Wissens, die Details, die ihn überwältigten, ihn kaum bis zur Jahrhundertwende und fast gar nicht zu Mahler kommen ließen, kann nur ein phantasieloser Prinzipienreiter als Einwand einsehen. Vom Geist seines Themas hatte er allemal mehr vermittelt als irgendeine regelgerechte Abarbeitung des Stoffs. Und gewiß hat nie ein Seminar über Notationskunde des Mittelalters mit der Technik der Neumen-Notation mehr Einsicht in die Logik der Sache verbunden als Bélas mißtrauisch-detektivischer Umgang mit einer Materie, die nicht zu beherrschen ihm als Banausentum gegolten hätte.
Was hätte das für eine Zeit werden können, wie hätten die sechziger und siebziger Jahre der Leipziger Musikwissenschaft ausgesehen, wenn Béla, zusammen mit anderen Köpfen des Hauses, kundig und intransigent, kenntnisreich und weltbürgerlich hundertundeine Blume hätte blühen lassen können, zumal die an den Rändern. Das Institut am Johannisplatz hätte dann nicht nur teils enthusiastische, teils verwirrte Studenten mit jedenfalls undurchschnittlichen Leistungen, vor allem aber einer konkreten Vision der Vertrautheit mit der Sache selbst gehabt, es wäre auch der öffentliche Platz für unerhörte Begegnungen gewesen. Die Wirklichkeit war nicht so. Bloch war seit 1957 ins Abseits gedrängt, 1961 blieb er in Tübingen. Hans Mayer war, wie Béla, zur Zielscheibe bösartiger Campagnien der Universität geworden und verließ das Land 1963. Béla konnte in dem dogmatischen Klima, gegen die Intrigen der Funktionäre, nicht bestehen. Seit 1964 war Béla ohne Anstellung. Berufsverbot hätte das in einem geordneten Gemeinwesen geheißen.
Man konnte Béla die Stelle verweigern, seinen Beruf, der ohnehin durch universitäre Normalität nicht zu definieren war, konnte ihm niemand nehmen. Wut und Ärger gewiß, auch Stunden der Ratlosigkeit, aber Resignation paßte nicht zu ihm. Seine Themen und seine Versessenheiten, aber auch die Menschen, mit denen er auf unendlich vielfache und doch immer bélensische Weise verbunden war, blieben ihm. Bélas umfassende Kompetenz, die auch die Betonköpfe ihm nicht streitig machen konnten, trug ihm Verpflichtungen ein, die leicht sein Fassungsvermögen hätten übersteigen können. Sie alle aufzuzählen, wäre ihm selbst zu Zeiten schwer gefallen. Was immer Béla aus dem einen oder anderen Anlaß an Aufgaben übernahm, er machte nicht nur mehr daraus als eine Gelegenheitsarbeit, er fügte es ein in seinen ganz unorthodoxen Kosmos, er eignete es sich sehr eigenwillig an. Auch aus dem, was er auf diese Weise geprägt hat ­ Editionen, Schallplattentexte, Konzertprogramme ­ ließen sich daher seine Konturen gewinnen. Gleichnah zum Mittelpunkt, gerade auch hier, darin liegt eine Würde eigener Art. Dabei ist sein Einsatz für Hanns Eisler ein besonderes Kapitel, das ihm eine gewisse, aber noch immer dem Mißtrauen der Ideologen abgetrotzte Eigenständigkeit ermöglichte. Unbestechlich war er dabei nicht nur im textkritischen Sinn. Er hat keinen Zweifel gelassen an Eislers Zugehörigkeit zur Wiener Schule, aber auch nicht an dem, was ihn davon trennte. Die Betreuung des Eisler-Archivs, die den notorischen Leipziger nun doch ein Bein nach Berlin setzen ließ, brachte ihm auch die behördlich reglementierte Reisemündigkeit, die seiner nie verlorenen Weltläufigkeit ein Stück Realität zurückgab. Hamburg und Wien, Köln und Stuttgart waren ihm wieder zugänglich in den achtziger Jahren, und wenn er da eingeladen war, dann stets als er selbst. Kein Amt, keine Funktion war nötig, um seine Präsenz einleuchtend zu machen, Béla war, was er war, und jedermann wußte das.
Die späten achtziger Jahre mit ihrer eigenartigen Mischung aus Erwartung und Stagnation, in der die zähe Erweiterung der Spielräume sich verband mit immer unverhohlenerer Kritik am real mißglückten Sozialismus, waren eine Zeit, in der Béla in geschäftigem Gleichgewicht schien. Er war eigentlich seine eigene Institution, und was für andere Rückzug in ihre Nische war, das war für ihn längst kosmopolitische Zirkulation. Universitäre Anbindung wäre da nur beengend gewesen, er hat sie nicht einmal mehr erwogen. Eine Irritation kam in die Telefonate und Begegnungen dieser Zeit nur durch zunächst unbestimmte, dann deutlichere Klagen über sein Befinden. Das war nicht das gut gelaunte "ich bin ein Rackk", es ging um wirkliches Unbehagen, um Schmerzen, später ohne Frage auch um Angst. Die Besserungen, die er wahrnahm, wahrnehmen wollte, trugen ihn über den dunklen Verdacht nicht hinweg. Auch wenn die Diagnosen diffus waren, er ahnte, wie es um ihn stand. Es war diese Verfassung, in der er den einzigartigen Herbst 1989 erlebte. Was da zusammenbrach, war eine Welt von Zwängen, die wir überstanden hatten, die ihm aber Narben zugefügt hatte, deren er sich nun doch bewußt war. Erst zögernd, dann deutlich nannte er die Deformationen, denen er sich nie angepaßt hatte, öffentlich beim Namen. Er hielt nun, freilich an Westberliner Instituten, auch wieder Vorlesungen ­ eine ungewohnt gewordene Aufgabe, und die Wirkung der Veranstaltung auf die Studenten einer neuen Generation ließ ahnen, was er als Universitätslehrer hätte sein können. Dies alles, das ist die Tragik, fand ihn in tiefer Verunsicherung, bar der Vitalität, mit der er diese Wende der Dinge hätte mitvollziehen wollen. Nun plötzlich durfte die Universität Leipzig sich auf den zuvor nur im Irrealis denkbaren Zustand besinnen. Der Gedanke, der Musikwissenschaft in dieser Stadt ihr wahres Format zu geben, gewann da große Suggestivkraft, auch für Béla. Die Formalitäten waren schwierig, daß geordnete Bedingungen gelten mußten, war unstrittig, daß sie noch immer von denen verwaltet wurden, die ihn drei Jahrzehnte mißachtet hatten, ging über die Kräfte, die er noch hatte. Es kam zu jenem denkwürdigen, bewegenden Habilitationsvortrag, mit dem er, ein kranker Mann, alle beschämte. Die Universität Leipzig hat es nicht vermocht, ihm gerecht zu werden, sie muß ohne Béla auskommen.
An Béla denken ­ ein Vorhaben, das man abbrechen, aber nicht abschließen kann, das subjektiv ausfallen muß und nur so seinem Thema gemäß sein kann. Geht es aber an, daß dabei die Grundlinien seiner Denkweise hinter dem Vexierbild seiner Möglichkeiten verborgen bleiben? Daß nicht die Rede ist von seiner besonderen Art, ein uvre zu analysieren, Autoren kenntlich zu machen, Zusammenhänge zu ordnen, Bezüge herzustellen? Denn natürlich war er ein subtiler, profunder und erhellender Analytiker, dem Geschichtsphilosophie ebenso zu Gebote stand wie Mengentheorie und Kombinatorik. Was also wäre die verbindliche Struktur seines Weltverständnisses? Béla war ein Grübler, ein detailversessener Sucher, ein passionierter Formulierer, der sich dabei selbst über die Schulter sah; er glaubte sich zu Hause in den Denkfiguren der kritischen Theorie, aber er scherte sich nicht um sie, wenn ihr Dogma ihm im Wege war. Nein, Béla mochte kein Schema, auch wenn es sich dialektisch gab. Es ist der Zauber der intelligenten, konkreten Wahrnehmung, der seinen Glanz ausmacht. Bärbeißig, grämlich, liebenswürdig, hinreißend ­ wie ihm zu Mute war. Seine Vermittlungskunst war mehr ansteckend als analysierend, auch und gerade in der kunstvollen Handhabung der Worte.
Die Karriere, die ihm zustand und die er überzeugend ausgefüllt hätte, hat ein borniertes System ihm verweigert. Trotzdem ist der Gedanke falsch, Béla hätte sich als gescheitert verstanden. Er hat sich seine eigenen Möglichkeiten geschaffen, reich und sehr selbstbestimmt. Tragisch war nur das Erlöschen seiner Möglichkeiten, das ihn um eine verdiente Genugtuung betrogen hat. Wie die Dinge verlaufen sind, war es ein irreparabler Schaden für die akademische Welt, bei weitem mehr als für ihn.


[beide Texte aus: Eberhardt Klemm, Spuren der Avantgarde. Schriften 1955-1991, Köln 1997]

 

siehe auch:

Uwe Johnson. "Wo ich her bin..."

Uwe Johnson. Befreundungen

 

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