Hans Grüss
"Überschreitung
und intensitätsreichste Menschwelt in der Musik" ist
das einundfünfzigste Kapitel in Ernst Blochs "Prinzip
Hoffnung" überschrieben. Kaum ein Stichwort kann sicherer
das Leben des Musikwissenschaftlers Eberhardt Klemm in der DDR
umschreiben.
Wenn es wahr ist, daß das Bild eines Mannes wesentlich
aus seinen Freunden ablesbar ist, dann müssen Namen genannt
werden und daß man dabei als ersten Uwe Johnson nennen
muß, hat seinen guten Grund. Wer mit diesem Mann, dem wohl
bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller unserer Generation,
umging, mußte sich gefallen lassen, daß alles Eigene
vor dem kritischen Blick des anderen standhalten mußte.
Nur unter dieser Voraussetzung war Freundschaft mit Johnson denkbar,
sie währte bis zu dessen unzeitigem und von selbstzerstörerischer
Krankheit überschattetem Tod. Zu dem Freundeskreis der Studienzeit
in Leipzig zählten neben Johnson der Sprachwissenschaftler
Manfred Bierwisch, der Kunsthistoriker Joachim Menzhausen, der
Orientalist Manfred Taube, die Indologinnen Elisabeth Schmidt,
hernach die Frau Uwe Johnsons und Erika Jäckel, die spätere
Ehefrau Klemms.
Eberhardt Klemm studierte in Leipzig zunächst Physik und
Mathematik, ging jedoch bald zur Musikwissenschaft über,
wohl in erster Linie unter dem Einfluß des Leipziger Musikkritikers
und Komponisten Hermann Heyer, der in den fünfziger Jahren
als engagierter Verfechter der Neuen Musik der zwanziger Jahre
an der Musikhochschule in Leipzig Musikgeschichte lehrte.
Im Gespräch mit Eberhardt Klemm über das musikalische
Kunstwerk in seiner Verflochtenheit mit Philosophie und Geschichte
haben wir alles erleben können: die Landschaft wechselte
dabei mit den Jahren von Bartók, zu Boulez, zu Varese
und Cage, zu Scott Joplin und Karl Valentin, von Schönberg,
Berg und Webern zu den Komponisten der Minimal Music, unverrückbar
blieben die großen Felsen: Ernst Bloch, der Lehrer und
Freund, und Gustav Mahler, der schlechthin für die Symphonie
und damit für die Musik stand. In wechselndem Licht erschienen
Theodor W. Adorno und Karlheinz Stockhausen. Die stärkste
Kraft ging sicher von Ernst Bloch aus, dem Philosophen, zu dessen
Schülern Klemm zählte. Daß er ein Freund Blochs
genannt werden kann, hat ihn in den Augen der SED wohl am stärksten
belastet, mehr noch vielleicht als die Wirkungen seiner Arbeit
am Institut für Musikwissenschaft selbst. Sie waren freilich
unüberhörbar. Zahlreiche Kammerkonzerte der beginnenden
sechziger Jahre brachten Programme, die eine erste Bestandsaufnahme
klassischer Werke der Moderne für Leipzig bedeuteten: Schönbergs
Erste Kammersymphonie, Alban Bergs Kammerkonzert, Weberns Konzerte
und Milhauds "Machines agricoles" gehörten dazu.
Abzulesen ist hieran auch, wie bedeutend Klemm als akademischer
Lehrer an Musikhochschule und Universität hätte wirken
können, was ihm durch das Eingreifen des Staatsapparates
schmerzlich verwehrt worden ist.
Nun liegen Hunderte von Texten vor, Konzerteinführungen
für Rundfunk- und Gewandhauskonzerte, für Schallplatten
und Rundfunksendungen, Vorworte zu Notenausgaben, zu Büchern
und dazu eine Menge Gutachten. Ihnen allen ist gemeinsam, daß
sie in wohlabgewogener Rede Wesentliches zu dem jeweiligen Werk
und dem Autor bringen. Das sagt sich so leichthin und klingt
wie selbstverständlich. Es hat aber jeder dieser Texte sein
eigenes Gesicht, das von detaillierter Kenntnis der Umstände
zeugt und zugleich den eigenen Anspruch an das Hervorgebrachte
nie verleugnet. Bei der Lektüre aller dieser Texte empfinde
ich Vergnügen an musikwissenschaftlicher wie literarischer
Qualität auch das Bedauern darüber, daß sie an
der Stelle der Monographien stehen, die wir von ihm billigerweise
hätten erwarten können, hätte nicht der Zwang
zum Broterwerb diese täglichen und weit gestreuten Arbeiten
von ihm gefordert. Freilich mag auch ein Moment von Lust an der
Vielfältigkeit musikalischer Kunst unseres Jahrhunderts
zwischen Eisler und Cage mitgespielt haben, das ihn diesen seinen
Weg favorisieren ließ.
Manfred Bierwisch
An Béla
[wie Eberhardt Klemm in seinem Freundeskreis genannt wurde] zu
denken, ist ein vielschichtiges und lustvolles Vergnügen
ihm gerecht zu werden, ist schwierig. Béla ist nicht
durch übersichtliche Linien bestimmbar, "intransigent"
war ihm ein wichtiges Wort, aber ein festes Schema, an dem es
sich bemißt, hätte er nicht gewußt und nicht
gewollt. Seine Arbeiten über Musik machen deutlich, daß
das Besondere ihm wichtiger war als das Allgemeine, das Ganze
für ihn eher in den Facetten erschien als in einem Prinzip.
"Merkwürdig" oder stärker: "Höchst
merkwürdig!" ist ein anderes seiner Schlüsselwörter,
das er mit allen Schattierungen brauchte, vom Verdacht und Mißtrauen
bis zum Ruhm des Ungewöhnlichen, und gelegentlich ging dies
alles zusammen. Überhaupt, Bélas Schlüsselwörter:
könnte man seinen Tonfall hinzunehmen, sie ergäben
leicht ein Mosaik, das ihn vorstellbar macht, besser als geordnete
Beschreibung und systematische Erläuterung es könnten.
Aber es wäre ein offenes, unabschließbares Mosaik,
denn in seinem Munde konnte fast jedes Wort zur Chiffre und zu
deren Auflösung werden. "So?" konnte er nach einer
tiefsinnigen oder banalen, offensichtlichen oder suspekten Darlegung
entgegnen, in einer Weise, daß man sich ertappt fühlte,
oder fühlen sollte. Aber er war kein Stratege des Dialogs.
Gespräche machten ihm einfach Spaß. Wenn er ihren
Verlauf bestimmte, waren sie in unnachahmlicher Weise mit Parenthesen
und Einschüben in Einschüben durchsetzt, in denen er
sich wie durch ein Wunder zurechtfand. Bedeutsames, das er ansteckend
vermitteln konnte, und triviale Assoziationen, denen er nicht
zu widerstehen vermochte, gingen da bruchlos ineinander. Dies
alles besagt, unvollständig und zwingend, daß man
an Béla konkret denken muß, in Situationen, Anlässen
und Geschichten, in Facetten, die jeder etwas anders erfahren
haben mag und die doch immer auf den ganzen Béla verweisen:
"Alles ist gleichnah zum Mittelpunkt".
Bélas Geburtsstadt ist Zwickau, und das war ihm wichtig,
um mancherlei von der Art zu erklären, in der er alltäglichen
Umgang pflegte. Leipzig war ihm eine Lebensform, ohne die man
ihn sich kaum denken kann, aber Leipzig war weder sein Horizont
noch sein eigentliches Wirkungsfeld. Die Stadt, in der er lebte,
hat ihm nie mehr als Nebenschauplätze für die Verwirklichung
seiner Ideen und Talente eingeräumt, und selbst das war
zu Zeiten auf prekäre Weise gefährdet. Nein, Leipzig,
von dem er sich nicht trennen mochte, hat ihm einen angemessenen
Platz nicht geboten. Musikwissenschaftler gewiß,
was wenn nicht dies, ist er gewesen. Und doch trifft auch das
in zweifacher Weise nicht zu. Die institutionell verfaßte
Disziplin war ihm in entscheidender Weise versperrt: Die Universitäten
des Landes haben ihm eine wissenschaftliche Laufbahn nicht zugestanden,
sie haben seine Begabung auf beschämende Weise marginalisiert.
Aber unabhängig davon war er in die Rubriken der Disziplin
kaum einzuordnen. Nicht nur, weil seine Studien mit Physik und
Philosophie begonnen hatten und sein Blickfeld, seine Neugier
und sein überbordender Kenntnisvorrat auf die Wissenschaft
von der Musik in keiner Weise begrenzt waren. Er war immer Außenseiter
in dem herausfordernden Sinn, daß er die etablierten Hauptgebiete,
die ihm Selbstverständlichkeiten waren, allemal zugunsten
der interessanten Ränder überschritt. Seine Dissertation,
in der er die Strukturmöglichkeiten von Zwölftonreihen
rigoros mathematisch analysierte, war ein Kundschafterunternehmen,
das ihm selbst nicht recht geheuer zu sein schien und das mit
seinem hermetischen Ernst fast unbemerkt blieb.
Der zeitgeschichtliche Hintergrund ist mitzudenken, wenn von
jener Leipziger Zeit die Rede ist, die sich so gut zur Legende
eignet, in der Namen wie Ernst Bloch, Hans Mayer und Walter Markov,
aber auch Theodor Frings, Siegfried Morenz und Heinrich Besseler
den Rang der Universität bestimmten, und die für uns
eine hohe Zeit der Spiele und Entdeckungen, kurioser Rituale,
endloser Diskussionen und blühenden Unsinns war. Der Kreis
der fünf Freunde, den 1954 Uwe Johnson vervollständigt
hatte, war mit unverabredeten Spielregeln, unbedingter Verläßlichkeit
und freiem Umgang mit allem, was dem einen oder dem anderen wichtig
war, eine ebenso prägende wie spontane Lebensform. Hier
jedenfalls war gewiß, daß Bélas Zitate, in
denen er sich versteckte, ihre Adressaten präzis erreichten:
"Kunst kommt nicht von können, sondern von müssen!"
Und ehe er von den Schätzen, die er inzwischen verwaltete,
Tonbänder, die auf Maschinen, mit denen er anhaltend im
Streit lag, Mahler und Schönberg, Berg und Strawinsky, wiedergaben,
ehe er eine dieser neuen Akquisitionen preisgab, machte er unerbittliche,
langwierige und erhellende, umständliche und prägnante
und jedenfalls ganz und gar unkonventionelle Erläuterungen,
kanonische Zitate allemal eingeschlossen. Dabei war die Existenz
in Zitaten und Anspielungen überhaupt ein unentbehrliches
Moment seiner Lebensform. Gesten und Tonfälle, Worte, Formulierungen,
Haltungen, alles konnte er in Zitate verwandeln, übereinanderlegen,
verschränken, verfremden, anverwandeln, nicht zuletzt seine
eigenen Erfindungen (die vielleicht selbst bereits ein halbes
Zitat waren), die bedeutenden Merksprüche, die er uns schenkte,
etwa "Was wäre, wenn wir uns nicht hätten!"
oder "Der Gescheite hört das gar nicht". Triviales
und hoch Artistisches, beiläufig Eingeschmuggeltes und in
großer Geste Aufgeführtes: das Spiel mit Versatzstücken
gehörte zu seiner Natur, es konnte ihn selbst überlisten.
Denn es war nicht Ersatz seiner Phantasie, sondern brachte sie
erst recht in Gang. Varianten erfinden von Zitaten von Zitaten,
wenn der Spaß es ergab, eins im anderen verstecken, um
es sichtbar zu machen, das war für Béla ebenso selbstverständlich
wie die Versessenheit auf Authentizität, die akribische,
auch detektivische Treue im Detail.
Ganz ernst war es ihm, natürlich, um die Wiener Schule.
Das Kompositionstechnische gehörte dabei zur Lebensform,
für die das Zitat "Solidarität ohne Kollektiv,
nicht Kollektiv ohne Solidarität" einstand. Avanciert
noch ein Schlüsselwort waren aber für ihn
nicht nur die Gestaltungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein
Studium beendete er mit einer Arbeit über Machaut, und wenn
man ihm dabei in die Karten gucken durfte, dann war es eigentlich
die Strenge, ähnlich der im seriellen Komponieren, was ihn
an den Motetten der Ars nova faszinierte.
Ende der fünfziger Jahre hatte der Freundeskreis sich zerstreut
nach Berlin und Dresden. Béla war zwar stets unser Mann
in Leipzig, aber die Feste der Begegnung wurden seltener, 1959
war Uwe Johnson nach Westberlin umgezogen. Béla begann,
so durfte man erwarten, eine geachtete Laufbahn als akademischer
Lehrer. Die Vorlesungen, die Béla nun hielt, waren Ereignisse,
nicht nur für ihn. Gustav Mahler und das Wien der Jahrhundertwende:
Daß die Fülle seines Wissens, die Details, die ihn
überwältigten, ihn kaum bis zur Jahrhundertwende und
fast gar nicht zu Mahler kommen ließen, kann nur ein phantasieloser
Prinzipienreiter als Einwand einsehen. Vom Geist seines Themas
hatte er allemal mehr vermittelt als irgendeine regelgerechte
Abarbeitung des Stoffs. Und gewiß hat nie ein Seminar über
Notationskunde des Mittelalters mit der Technik der Neumen-Notation
mehr Einsicht in die Logik der Sache verbunden als Bélas
mißtrauisch-detektivischer Umgang mit einer Materie, die
nicht zu beherrschen ihm als Banausentum gegolten hätte.
Was hätte das für eine Zeit werden können, wie
hätten die sechziger und siebziger Jahre der Leipziger Musikwissenschaft
ausgesehen, wenn Béla, zusammen mit anderen Köpfen
des Hauses, kundig und intransigent, kenntnisreich und weltbürgerlich
hundertundeine Blume hätte blühen lassen können,
zumal die an den Rändern. Das Institut am Johannisplatz
hätte dann nicht nur teils enthusiastische, teils verwirrte
Studenten mit jedenfalls undurchschnittlichen Leistungen, vor
allem aber einer konkreten Vision der Vertrautheit mit der Sache
selbst gehabt, es wäre auch der öffentliche Platz für
unerhörte Begegnungen gewesen. Die Wirklichkeit war nicht
so. Bloch war seit 1957 ins Abseits gedrängt, 1961 blieb
er in Tübingen. Hans Mayer war, wie Béla, zur Zielscheibe
bösartiger Campagnien der Universität geworden und
verließ das Land 1963. Béla konnte in dem dogmatischen
Klima, gegen die Intrigen der Funktionäre, nicht bestehen.
Seit 1964 war Béla ohne Anstellung. Berufsverbot hätte
das in einem geordneten Gemeinwesen geheißen.
Man konnte Béla die Stelle verweigern, seinen Beruf, der
ohnehin durch universitäre Normalität nicht zu definieren
war, konnte ihm niemand nehmen. Wut und Ärger gewiß,
auch Stunden der Ratlosigkeit, aber Resignation paßte nicht
zu ihm. Seine Themen und seine Versessenheiten, aber auch die
Menschen, mit denen er auf unendlich vielfache und doch immer
bélensische Weise verbunden war, blieben ihm. Bélas
umfassende Kompetenz, die auch die Betonköpfe ihm nicht
streitig machen konnten, trug ihm Verpflichtungen ein, die leicht
sein Fassungsvermögen hätten übersteigen können.
Sie alle aufzuzählen, wäre ihm selbst zu Zeiten schwer
gefallen. Was immer Béla aus dem einen oder anderen Anlaß
an Aufgaben übernahm, er machte nicht nur mehr daraus als
eine Gelegenheitsarbeit, er fügte es ein in seinen ganz
unorthodoxen Kosmos, er eignete es sich sehr eigenwillig an.
Auch aus dem, was er auf diese Weise geprägt hat Editionen,
Schallplattentexte, Konzertprogramme ließen sich
daher seine Konturen gewinnen. Gleichnah zum Mittelpunkt, gerade
auch hier, darin liegt eine Würde eigener Art. Dabei ist
sein Einsatz für Hanns Eisler ein besonderes Kapitel, das
ihm eine gewisse, aber noch immer dem Mißtrauen der Ideologen
abgetrotzte Eigenständigkeit ermöglichte. Unbestechlich
war er dabei nicht nur im textkritischen Sinn. Er hat keinen
Zweifel gelassen an Eislers Zugehörigkeit zur Wiener Schule,
aber auch nicht an dem, was ihn davon trennte. Die Betreuung
des Eisler-Archivs, die den notorischen Leipziger nun doch ein
Bein nach Berlin setzen ließ, brachte ihm auch die behördlich
reglementierte Reisemündigkeit, die seiner nie verlorenen
Weltläufigkeit ein Stück Realität zurückgab.
Hamburg und Wien, Köln und Stuttgart waren ihm wieder zugänglich
in den achtziger Jahren, und wenn er da eingeladen war, dann
stets als er selbst. Kein Amt, keine Funktion war nötig,
um seine Präsenz einleuchtend zu machen, Béla war,
was er war, und jedermann wußte das.
Die späten achtziger Jahre mit ihrer eigenartigen Mischung
aus Erwartung und Stagnation, in der die zähe Erweiterung
der Spielräume sich verband mit immer unverhohlenerer Kritik
am real mißglückten Sozialismus, waren eine Zeit,
in der Béla in geschäftigem Gleichgewicht schien.
Er war eigentlich seine eigene Institution, und was für
andere Rückzug in ihre Nische war, das war für ihn
längst kosmopolitische Zirkulation. Universitäre Anbindung
wäre da nur beengend gewesen, er hat sie nicht einmal mehr
erwogen. Eine Irritation kam in die Telefonate und Begegnungen
dieser Zeit nur durch zunächst unbestimmte, dann deutlichere
Klagen über sein Befinden. Das war nicht das gut gelaunte
"ich bin ein Rackk", es ging um wirkliches Unbehagen,
um Schmerzen, später ohne Frage auch um Angst. Die Besserungen,
die er wahrnahm, wahrnehmen wollte, trugen ihn über den
dunklen Verdacht nicht hinweg. Auch wenn die Diagnosen diffus
waren, er ahnte, wie es um ihn stand. Es war diese Verfassung,
in der er den einzigartigen Herbst 1989 erlebte. Was da zusammenbrach,
war eine Welt von Zwängen, die wir überstanden hatten,
die ihm aber Narben zugefügt hatte, deren er sich nun doch
bewußt war. Erst zögernd, dann deutlich nannte er
die Deformationen, denen er sich nie angepaßt hatte, öffentlich
beim Namen. Er hielt nun, freilich an Westberliner Instituten,
auch wieder Vorlesungen eine ungewohnt gewordene Aufgabe,
und die Wirkung der Veranstaltung auf die Studenten einer neuen
Generation ließ ahnen, was er als Universitätslehrer
hätte sein können. Dies alles, das ist die Tragik,
fand ihn in tiefer Verunsicherung, bar der Vitalität, mit
der er diese Wende der Dinge hätte mitvollziehen wollen.
Nun plötzlich durfte die Universität Leipzig sich auf
den zuvor nur im Irrealis denkbaren Zustand besinnen. Der Gedanke,
der Musikwissenschaft in dieser Stadt ihr wahres Format zu geben,
gewann da große Suggestivkraft, auch für Béla.
Die Formalitäten waren schwierig, daß geordnete Bedingungen
gelten mußten, war unstrittig, daß sie noch immer
von denen verwaltet wurden, die ihn drei Jahrzehnte mißachtet
hatten, ging über die Kräfte, die er noch hatte. Es
kam zu jenem denkwürdigen, bewegenden Habilitationsvortrag,
mit dem er, ein kranker Mann, alle beschämte. Die Universität
Leipzig hat es nicht vermocht, ihm gerecht zu werden, sie muß
ohne Béla auskommen.
An Béla denken ein Vorhaben, das man abbrechen,
aber nicht abschließen kann, das subjektiv ausfallen muß
und nur so seinem Thema gemäß sein kann. Geht es aber
an, daß dabei die Grundlinien seiner Denkweise hinter dem
Vexierbild seiner Möglichkeiten verborgen bleiben? Daß
nicht die Rede ist von seiner besonderen Art, ein uvre zu analysieren,
Autoren kenntlich zu machen, Zusammenhänge zu ordnen, Bezüge
herzustellen? Denn natürlich war er ein subtiler, profunder
und erhellender Analytiker, dem Geschichtsphilosophie ebenso
zu Gebote stand wie Mengentheorie und Kombinatorik. Was also
wäre die verbindliche Struktur seines Weltverständnisses?
Béla war ein Grübler, ein detailversessener Sucher,
ein passionierter Formulierer, der sich dabei selbst über
die Schulter sah; er glaubte sich zu Hause in den Denkfiguren
der kritischen Theorie, aber er scherte sich nicht um sie, wenn
ihr Dogma ihm im Wege war. Nein, Béla mochte kein Schema,
auch wenn es sich dialektisch gab. Es ist der Zauber der intelligenten,
konkreten Wahrnehmung, der seinen Glanz ausmacht. Bärbeißig,
grämlich, liebenswürdig, hinreißend wie
ihm zu Mute war. Seine Vermittlungskunst war mehr ansteckend
als analysierend, auch und gerade in der kunstvollen Handhabung
der Worte.
Die Karriere, die ihm zustand und die er überzeugend ausgefüllt
hätte, hat ein borniertes System ihm verweigert. Trotzdem
ist der Gedanke falsch, Béla hätte sich als gescheitert
verstanden. Er hat sich seine eigenen Möglichkeiten geschaffen,
reich und sehr selbstbestimmt. Tragisch war nur das Erlöschen
seiner Möglichkeiten, das ihn um eine verdiente Genugtuung
betrogen hat. Wie die Dinge verlaufen sind, war es ein irreparabler
Schaden für die akademische Welt, bei weitem mehr als für
ihn.
[beide
Texte aus: Eberhardt Klemm, Spuren der Avantgarde. Schriften
1955-1991, Köln 1997]
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